Remember Roger Willemsen

Wann widerfährt es einem – wenn überhaupt – schon einmal im Leben, dass ein Mensch, dem man persönlich nie begegnet ist, den man nur über Medien wie Buch, TV, Bühne kennt, eine so tiefe Spur in einem hinterlässt, dass man bei seinem Tod meint, einen guten Freund verloren zu haben. Roger Willemsen war gefühlt ein solch eng verbundener Lebensbegleiter für mich – freigeistige Lichtgestalt, Orientierungspunkt, Wegweiser, Halt.

Vor drei Jahren, am 7. Februar 2016, traf mich mit der Meldung von Roger Willemsens Tod zum zweiten Mal in jenem Jahr nach der Nachricht von David Bowies Ableben eine erschütternde Wahrheit wie ein Keulenschlag. Eine Welt, ein Leben, ohne diesen sympathischen Feingeist und eloquenten Lebenslust- und Lebenssuchtvermittler, dessen ganzes Wesen aus einer umfassenden Kultiviertheit zu bestehen schien, die mir als höchst erstrebenswertestes Entwicklungsziel gilt – unvorstellbar.

Roger Willemsen war eine Ausnahmeerscheinung, die nicht zu bewundern mich der Dummheit und Ignoranz, des Misanthropentums bezichtigen würde. Zum Glück war das Gegenteil der Fall, meine Verehrung für diesen Mann kennt bis heute keine Grenzen, insbesondere jetzt, da ich spüre, welche unschließbare Lücke sein Verlust gerissen hat, wie schmerzlich einer wie er fehlt. Allein das finale Fanal, die kurze, aber ungeheuer präzise gesellschaftskritische Zeitanalyse und Mahnung in Form seiner Zukunftsrede „Wer wir waren“ klingt als mächtiges publizistisches Vermächtnis in die Gegenwart und weit darüber hinaus.

Überhaupt gibt sein Werk als Autor Zeugnis von der Weltverliebtheit und Weltverbundenheit und zugleich Weltbesorgtheit Willemsens. Ein durchs Leben Reisender, der nicht nur genau schaute, beobachtete und sich einfühlte, sondern Eindrücke in sich buchstäblich „verdichtete“ zu den Kern der Dinge erfassenden, das Wesentliche herausarbeitenden Reflexionen über Menschen und Orte, über gesellschaftliche und politische Um- und Zustände. Ein geistreiches, scharfzüngiges, pointiertes Werk, das trotz manch anders lautender, von Neid geprägter Kritiken alles andere als selbstverliebt war. Die Eitelkeit des Zurschaustellung einer intellektuellen Überlegenheit war des Aufklärers und Erklärers Sache nicht.

Ja, ich vermisse Roger Willemsen, und nicht nur der jüngste Jahrestag seines Todes ist Grund, seiner zu gedenken und sich an ihn zu erinnern. An diesen emphatischen Intellektuellen, der ein großes Interesse an der Welt, vor allem aber an den Menschen hatte, eine offene Zuneigung und Zugewandtheit, die mich bei jedem seiner Gespräche in „Willemsens Woche“ berührte und begeisterte. Nie zuvor und nie danach war öffentlich-rechtliches Fernsehen so intelligent, horizonterweiternd, nie erfüllte es seinen Bildungsauftrag derart vorbildlich wie unter den von Willemsen geführten Sendungen – subjektive Investigation als spannende Information und Inspiration.

Auch „Willemsens Zeitgenossen“ und die von mir geliebte Doppelporträt-Reihe „Gipfeltreffen“ pflegten diese hoch anspruchsvolle, aber nicht abgehobene Kunst der Gesprächskultur, dessen Spiritus rector und primus inter pares er war. Beim Erinnern kommt mir gerade eine wunderbare halbe Stunde Willemsen hautnah in den Sinn, eine Sternstunde des 3sat-Formats „Bauerfeind assistiert“, in dem Katrin Bauerfeind Willemsen als persönliche Assistentin über einen Tag lang begleitet, und u.a. den Auftrag erhält, ihm einen Schlafanzug zu kaufen.

https://www.youtube.com/watch?v=saqKUPNchSY

Hier wird Willemsen lebendig in allem, was ihn ausmachte und was man an ihm lieben oder zumindest wertschätzen muss. In seiner ganzen lebensneugierigen Wachheit und der Furchtlosigkeit, ohne jedes Fremdeln oder Standesdünkel mit Menschen in Kontakt zu treten und jedem mit einer Freundlichkeit zu begehen, die nicht nur die hohe Knigge-Kunst von Anstand, Respekt und Höflichkeit lehrt, sondern sein ganzes Wesen und seine Haltung als nie moralisierender Humanist verkörpert.

Sein jungenhafter Charme und sein intelligenter, zugleich schalkhaft augenblinzelnder Witz leuchten einen förmlich an, sein feines, elaboriertes Gespür für Sprache weckt ansteckende Lust an Gedanke und Wort und seine ungeheure Gabe, Intellekt nie als eitlen Selbstzweck vorzuführen, sondern als Möglichkeit, die Komplexität der Welt verstehen und auf jedem Bildungsniveau als Chance zur Selbstverwirklichung einsetzen zu können, macht viele selbsternannte, sich in elitären Elysien bewegende Geistesriesen in seinem langen Schattenwurf zu Egozwergen.

Eine derart vielschichtige, im Hier und Jetzt verwurzelte, in der Wahrnehmung versammelte und differenziert dialogfähige Persönlichkeit wie Roger Willemsen war und ist ein Phänomen, das mich bis heute sprachlos macht, zugleich dankbar, weil die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit diesem Menschen, seinen Gedanken und seinem Stil mir ständige Bereicherung und Vorbild ist. Im besten Sinne des Wortes eine Leitfigur. Kann man Relevanteres über eines Menschen Wirkung sagen, auch wenn seinem Leben nur viel zu kurze 60 Jahre geschenkt wurden, in denen er uns alle beschenkte mit seiner warmherzigen Klugheit?

Dass ich mich mit meiner Einschätzung in bester Gesellschaft befinde, belegen die zahlreichen Nachrufe seinerzeit, von denen mir jene von Nils Minkmar im SPIEGEL vom 8. Februar 2016 nachhaltig im Gedächtnis ist, weil sie mir aus dem Herzen spricht.

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/roger-willemsen-der-anti-spiesser-a-1076328.html

So bleibt Roger Willemsen in vielem lebendig und nah, umso mehr muss man den Abschied von ihm weiterhin tief bedauern und betrauern. Um es in einer Abwandlung des Schlusssatzes seines Nachrufs auf den großen Dieter Hildebrandt zu sagen. Roger Willemsen ist vor drei Jahren gestorben. Das hätte er nicht tun dürfen.“

https://www.roger-willemsen.de/site/roger_willemsen/home